Dissexualität und Paraphilien

Es gibt eine Vielzahl von Begriffen, die Verwendung finden, um sexuelle Übergriffe, sexuell Anstößiges,  individuell oder kollektiv Störendes zu bezeichnen - mehr oder weniger korrekt, mehr oder weniger umfangreich.
Im Folgenden bieten wir Ihnen einen Überblick und Erklärungen an, aus unserem wissenschaftlichen Blickwinkel.

Sie befinden sich hier:

Grundsätzlich bringt sexuelles Fehlverhalten zunächst eine gestörte soziale Dimension von Sexualität zum Ausdruck.
Zur - soweit wie möglich moralisch neutralen - Kennzeichnung dieses zentralen Aspektes bietet sich der Begriff "Dissexualität" an als ein "sich im Sexuellen ausdrückendes Sozialversagen", welches verstanden wird als Verfehlen der (zeit- und soziokulturell bedingten, damit veränderlichen) durchschnittlich erwartbaren Partnerinteressen (vgl. Beier 1995). Während der Begriff Sexualdelinquenz eingeengt ist auf die juristische Perspektive (zum Delinquenten wird man eigentlich erst durch einen juristischen 'Zuweisungsprozess'), gehen die im psychowissenschaftlichen Sprachgebrauch verbreiteten Begriffe Devianz (oder Deviation) und Perversion (nicht alle perversen Symptombildungen sind zugleich auch deviant, z.B. beim Don-Juanismus) über das zu Bezeichnende weit hinaus: Sowohl der auf eine äußere Beschreibung des Verhaltens zielende Devianz- als auch der neurosenpsychologischen Gesichtspunkten verpflichtete Perversionsbegriff umfassen auch sexuelles Verhalten, das kein Sozialversagen ist (z. B. bei Einverständnis des Partners oder bei autoerotischen Praktiken ohne die Beeinträchtigung von Partnererwartungen). Gleiches gilt für die Bezeichnungen in den internationalen Klassifikationssystemen, die sich im übrigen inhaltlich weitgehend decken: Im ICD-10 (WHO 1993) lautet der Oberbegriff Störung der sexuellen Präferenz und im DSM-5 (APA 1994) paraphile Störungen. (siehe die nachfolgende Tabelle 1)

Tabelle 1: Überblick über die "Störungen der Sexualpräferenz" bzw. "paraphile Störungen" nach ICD-10 und DSM-5

  ICD-10: "Störungen der Sexualpräferenz"   DSM-5: "paraphilie Störungen"
F65.0 Fetischismus 302.81 Fetischische Störung
F65.1 fetischistischer Transvestitismus 302.3 Transvestitische Störung
F65.2 Exhibitionismus 302.4 Exhibitionische Störung
F65.3 Voyeurismus 302.82 Voyeuristische Störung
F65.4 Pädophilie 302.2 Pädophile Störung
F65.5 Sadomasochismus 302.83 Sexuell Masochistische Störung
    302.84 Sexuell Sadistische Störung
F65.6 multiple Störungen der Sexualpräferenz    
F65.8 sonstige Störungen der Sexualpräferenz 302.89 Andere Näher Bezeichnete Paraphile Störung
    302.89 Frotteurismus
F65.9 nicht näher bezeichnete Störungen der Sexualpräferenz 302.9 Nicht Näher Bezeichnete Paraphile Störung

Unter die paraphilen Störungen fallen nach Kriterium A des DSM-5 "über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten wiederkehrende und intensive sexuelle Erregung, [...] in Fantasien, dranghaften Bedürfnissen oder Verhaltensweisen [...]", bezogen auf

1. auf unbelebte Objekte oder Fokus auf mindestens ein nicht genitales Körperteil (Fetischismus),
2. auf Leiden oder Demütigung, Schmerz oder Erniedrigung seines Partners oder seiner selbst (Masochismus, Sadismus),
3. auf Kinder (Pädophilie) oder nicht einwilligende oder nicht einwilligungsfähige Personen.

Nicht alle Paraphilien sind also als dissexuell einzustufen und mit einem Sozialversagen verbunden (z. B. die mit partnerschaftlichem Einverständnis praktizierte Kopro- oder Urophilie - sexuelle Erregung in Verbindung mit Urin oder Kot), wobei das DSM-5 das Ausmaß der partnerbezogenen Dysfunktionalität unbestimmt lässt. Phantasien und Impulse gelten dann als paraphil, wenn unübliche sexuelle Aktivierungsmuster im Erleben soviel Raum einnehmen, dass die Person entsprechend handelt oder unter ihnen leidet - das Leid der anderen ist hierin nicht enthalten. Nach Kriterium B (für die Diagnose "paraphile Störungen" entsprechend DSM-5) wird lediglich gefordert, dass "das Verhalten, die sexuell dranghaften Bedürfnisse oder Phantasien in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen" führen müssen.

Mit dem Begriff Dissexualität hingegen sind gerade diejenigen Handlungen gemeint, welche durch den sexuellen Übergriff auf einen anderen Menschen dessen Integrität und Individualität direkt verletzen - Handlungen überdies, für die keine Zustimmung des Betroffenen vom Täter vorausgesetzt werden kann, weshalb sie (und das ist die soziale Beeinträchtigung) ein Verfehlen der kollektiven Partnererwartungen zum Ausdruck bringen. Maßgebliches Kriterium ist also die fehlende Verantwortung für den seelischen und körperlichen Zustand des Geschädigten (selbst wenn dieser "einwilligen" sollte - zum Beispiel ein Kind) bei vordergründiger Berücksichtigung der eigenen Interessenslage. Die mögliche Strafbarkeit dieser Handlungen ist dabei sekundär: So gibt es dissexuelle Handlungen, die nicht pönalisiert sind (z.B. Masturbation vor einer schlafenden Frau), aber eben auch pönalisierte Handlungen, die nicht dissexuell sind (z.B. einverständliche sexuelle Kontakte zwischen einer körperlich früh entwickelten Dreizehnjährigen und ihrem neunzehnjährigen Freund).
 

Spektrum der Paraphilien und sexuellen Übergriffe

Paraphilien, Grafik

Die Abbildung rechts zeigt schematisch, dass in dem gesamten Spektrum der paraphilen Symptombildungen der größte Teil nicht mit sexueller Übergriffigkeit, also Dissexualität verbunden ist. So gibt es beispielsweise Männer, die sexuelle Erregung nur erleben können, wenn sie sich vorstellen, ihre Sexualpartner/innen würden Verstümmelungen aufweisen und/oder durch Amputationen behindert sein (sog. Amputophilie), verbinden dieses Erregungsmuster jedoch nicht mit dem Wunsch, bei ihren realen Partnern/innen Amputationen auch durchzuführen - allenfalls kommt es bei einverständlichen Sexualkontakten zur Simulation von Behinderung des einen Partners, um zur Reizsteigerung bei dem anderem (amputophilen) Partner beizutragen. 

Daneben gibt es aber auch Männer mit sadistischen Impulsen, denen eine Eingrenzung ihrer Wünsche auf einverständliche Sexualkontakte gerade nicht möglich ist und die darum mit dissexuellen Handlungen ihre Neigung ausleben.
Schließlich gibt es unter den pädophil orientierten Männern diejenigen, die in der Lage sind, ihre Wünsche nach Sexualkontakten mit Kindern auf die Phantasieebene zu beschränken, sowie andere, die deutlich merken, dass diese Phantasiewelt nicht ausreicht und die Impulse in zunehmendem Maße auf die Verhaltensebene drängen (i.e. potentielle Täter, die - wenn sie diesen Impulsdurchbruch vermeiden wollen - zum Teil therapeutische Hilfe suchen) und wieder andere, die bereits Kinder sexuell missbraucht haben, darunter solche, die diese dissexuellen Verhaltensabweichungen bedauern und andere, die sie bejahen.

Entstehung und Verlauf paraphiler Erlebens- und Verhaltensmuster

Bis heute fehlt ein schlüssiges Erklärungskonzept für die Entstehung von Paraphilien. Ein solches müsste der Vielfalt der Erscheinungsformen genauso gerecht werden wie der Tatsache, dass nur ein Teil derjenigen Männer mit einem paraphilen (und potentiell übergriffigen) Erregungsmuster (z. B. einer Pädophilie) ihre sexuellen Wünsche auch auf der Verhaltensebene umsetzen, d.h. also die Impulse nicht steuern können und/oder wollen (s.o.).

Im Rahmen des Präventionsnetzwerks Dunkelfeld, besser bekannt als "Kein Täter werden", im Präventionsprojekt für Jugendliche "Du träumst von ihnen" und dem bundesweiten Forschungsverbund "NeMUP (Neural mechanisms underlying pedophilia)" werden am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin Grundlagen und Verlauf der Pädophilie erforscht.

Die nachstehende Tabelle 2 zeigt eine Auswahl seltener Paraphilien, die gleichwohl im klinischen Alltag der Sexualmedizin vorkommen und auch aus wissenschaftlichen Gründen besondere Aufmerksamkeit verdienen.

Tabelle 2: Seltene Paraphilien nach DSM-5

Bezeichnung Erotischer Fokus mögliche Überlappung zu anderen Paraphilien
  nicht-menschliche Objekte  
Zoophilie Tiere  
Urophilie Urin Fetischismus, sexueller Masochismus, sexueller Sadismus
Koprophilie Faeces Fetischismus, sexueller Masochismus, sexueller Sadismus
Vampirismus Blut Sexueller Sadismus
  Leiden oder Demütigung von sich selbst oder des Partners  
Telefonscatophilie Telefonisch mitgeteilte Obszönitäten Exibitionismus
Salieromanie Beschmutzen oder Zerstören von Kleidung oder Körper Sadismus
Vomerophilie Erbrechen  
  Nicht einwilligungs-fähige Personen  
Nekrophilie Leichen Sexueller Sadismus
Somnophilie Schlafende Partner  
  Eigen- oder Fremdstimulierung durch atypische Objekte  
Hypoxyphilie (Asphyxie) Reduzierte Sauerstoffaufnahme Sexueller sadismus
(Dys-)Morphophilie Besonders (unförmig) ausgeprägte Körpereigenschaften Partialismus
Partialismus Fokusierung auf einen Körperteil Morphophilie
Amputophilie Amputationen beim Partner (Dys-)Morphophilie
Apotemnophilie Eigene Amputation  
Autogynäphilie Sexuell erregendes Selbsterleben oder Selbstbild als Frau ohne Ablehnung der männlichen Genitalien Transvestitischer Fetischismus
Scoptophilie Beobachten sexueller Aktivitäten Voyeurismus

Bedeutung können diese auch in forensischen Zusammenhängen haben, etwa die immer wieder vorkommenden autoerotischen Todesfälle oder nekrophil motivierte Straftaten (Einbruch etc.). Selbst wenn derartige Störungsbilder besonders ungewöhnlich, ja exzeptionell anmuten, wie beispielsweise der von der Öffentlichkeit besonders wahrgenommene, am Landgericht Kassel verhandelte "Kannibalismus-Fall" (der am hiesigen Institut begutachtet wurde), sind sie Beispiele menschlichen (Sexual-)Verhaltens und ihre Analyse vermag Aufschluss zu geben über den "Menschen an sich". Es ist ein Irrtum zu glauben, dass in der Wissenschaft nur quantitative Methoden wichtig sind, in der Medizin also Beobachtungen an möglichst vielen Patienten mit dem gleichen Krankheitsbild. So reicht beispielsweise das Verständnis der Funktionsweise nur einer einzigen Bauchspeicheldrüse aus um die Entstehung der Zuckerkrankheit zu entschlüsseln. Viele wichtige Entdeckungen in der Medizin gehen daher auf Einzelfallstudien zurück.
In dem Forschungsprojekt werden Einzelfälle paraphiler Symptombilder detailliert analysiert, wobei - dem biopsychosozialen Ansatz der Sexualwissenschaft folgend - mögliche biomedizinische, psychosoziale und soziosexuelle Einflussfaktoren berücksichtigt werden.

Beispiel für eine Einzelfallanalyse eines paraphilen Musters (publiziert in Beier et al. 2001, S. 351):

Der 51 Jahre alte D. hatte über einen Zeitraum von 2 Jahren mehrere Nachbarskinder im Alter zwischen 6 und 12 Jahren sexuell missbraucht. Er stammte aus ärmlichen sozialen Verhältnissen, war jüngstes von 4 Geschwistern und kam aufgrund einer unterdurchschnittlichen Intelligenz im Bereich der Minderbegabung über die 4. Schulklasse nicht hinaus.

Als fleißiger und hilfsbereiter angelernter Arbeiter gelang ihm jedoch ein guter Start in die Berufstätigkeit, die ihn sehr ausfüllte. Ab dem 18. Lbj. stellte er fest, dass bei der Selbstbefriedigung Kinder als Sexualpartner hinzuphantasiert wurden ? recht bald besorgte er sich einschlägige pornographische Vorlagen. Mit 19 lernte er seine spätere Ehefrau kennen und hatte mit ihr ? wie sie auch bestätigte ? eine sexuell zufriedenstellende Beziehung, die ihm stets sehr wichtig war. In der Phantasie bestand das erotische Interesse am kindlichen Körper allerdings fort, ohne dass ihn dies beunruhigte, zumal er sich nie in Gefahr sah, dies auf der Verhaltensebene auch auszuleben.

D. litt schon seit mehreren Jahren an Morbus Parkinson (einer Erkrankung des Nervensystems durch Dopaminmangel in einer Gruppe von Hirnkernen), durch die sich die eheliche Sexualität erheblich veränderte. Er entwickelte recht bald eine generalisierte Erektionsstörung und musste feststellen, dass seine Ehefrau in sexuellen Begegnungen, die nicht zu einer vaginalen Penetration führten, nur eine Kümmerform der Sexualität ("Spielchen") sah; sie wollte nicht auf seine reduzierten Sexualpraktiken eingehen und verkannte dabei, dass er ein hohes Zärtlichkeitsbedürfnis hatte und sexuelle Kontakte gern weiterhin in der üblichen Häufigkeit von drei- bis viermal die Woche aufgenommen hätte, auch wenn es nicht zur Erektion kam und die ausbleibende Gliedversteifung ihn zutiefst kränkte. Im Zusammenhang mit der medikamentösen Behandlung, insbesondere der eingenommenen Dopamin-Agonisten, kam es zur Herabsetzung der Erektionsfähigkeit mit gleichzeitiger Zunahme der sexuellen Appetenz. In diese Phase fielen die sexuellen Übergriffe an Kindern aus der Nachbarschaft, zumal seine pädophilen Phantasien aufgrund des unbefriedigten gesteigerten sexuellen Verlangens massiv an Dynamik zugenommen hatten.

Aus forensisch-sexualmedizinischer Sicht hatte eine "krankhafte seelische Störung" im Sinne der § 20/21 StGB die pädophile Nebenströmung (die 30 Jahre bestand, ohne dass es zu sexuellen Übergriffen kam) aus der Latenz gehoben, weshalb davon ausgegangen wurde, dass die Steuerungsfähigkeit zum Zeitpunkt der Taten erheblich vermindert gewesen war. Therapeutisch kam eine Umsetzung des Dopamin-Agonisten und eine sexualmedizinische Betreuung des Ehepaars (insbesondere mit dem Ziel einer Abklärung der gegenseitigen Vorstellungen der Partner) in Frage, wobei letzteres erst realisiert werden konnte, nachdem D. eine dreijährige Haftstrafe wegen des sexuellen Missbrauchs der Kinder abgesessen hatte. 

Anmerkung: Die komplexen Zusammenhänge zwischen Sexualhormonen, Neurotransmittern und sexuellem Verhalten sind bis heute nicht hinreichend verstanden. Insbesondere die zerebralen Amine Dopamin und Serotonin sind mit ihren Wirkungen auf das sexuelle Erleben und Verhalten aber auf nachhaltiges Interesse gestossen, wobei das Serotonin mit Blick auf therapeutische Einflussnahmen besondere Beachtung findet. Das Fallbeispiel gibt Anlass zu der Vermutung, dass der Dopaminstoffwechsels für die Etablierung von sexuellen Impulsen auf der Verhaltensebene eine große Rolle spielt.

Prävention von Sexualdelikten im Dunkelfeld

Seit 2005 läuft am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin das Projekt "Kein Täter werden", das seit 2011 als gleichnamiges Präventionsnetzwerk einen deutschlandweiten Verbund von spezialisierten Ambulanzen umfasst. Nähere Informationen hierzu finden Sie auf den Projektseiten.

Seit 2014 hat das Institut sein Angebot für Menschen mit einer sexuellen Präferenzstörung, die auf Kinder gerichtet ist, erweitert und bietet nun auch unter dem Namen "Du träumst von ihnen" Hilfe für Jugendliche an, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Nähere Informationen hierzu finden Sie auf den Projektseiten.