Störungen der sexuellen Entwicklung

Dieser Indikationsbereich umfasst Störungen, die im Rahmen der somatosexuellen, psychosexuellen und soziosexuellen Entwicklung über die gesamte Lebensspanne auftreten und die Betroffenen in ihrer sexuellen Interaktionsmöglichkeit beeinträchtigen, bis hin zur Unmöglichkeit sexueller Kontaktaufnahme.

Diese Störungen führen bei den Betroffenen häufig sekundär zur Ausprägung von anderen psychischen und Verhaltensstörungen, die dann eher als Vorstellungsgrund angeführt werden als die ursächliche Problematik selbst. Mutmaßlich bleiben die meisten sexuellen Entwicklungsstörungen selbst unberücksichtigt und werden allein auf der (sekundären) Symptomebene behandelt, u.a. deshalb, weil die Betroffenen in der Regel selbst nicht benennen können, dass ihre Schwierigkeiten eigentlich oder auch im Bereich ihrer sexuellen Entwicklung liegen.

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Entwicklungsverzögerung

Dies gilt um so mehr, wenn die Problematik in eine gesamte Entwicklungsverzögerung (Retardierung) eingebettet ist (u.a. körperliche und geistige Entwicklungsstörung). An dem Bedürfnis nach sexueller und partnerschaftlicher Kontaktaufnahme ändert Retardierung mithin nichts.

Verschiedene Bereiche bei Störungen der sexuellen Entwicklung

Störung der sexuellen Reifung

Unter der Rubrik "Störung der sexuellen Reifung" werden vor allem psycho- und soziosexuelle Auswirkungen einer verzögerten oder ausgebliebenen körperlichen Geschlechtsreife (z.B. "pubertas tarda") verstanden.

In vielen Fällen verursacht dies Irritationen der geschlechtlichen und auch der sexuellen Identitätsbildung und führt anschließend auch zu Entwicklungsverzögerungen auf der psycho-/soziosexuellen Ebene, durch welche die Betroffenen in ihrer sexuellen Entwicklung zurückbleiben und Schwierigkeiten haben, mit altersentsprechenden Partnern sexuelle Beziehungen aufzunehmen.
Besonders gravierend tritt eine Störung der sexuellen Reifung zutage, wenn es zu sexuellen Übergriffen auf Kinder kommt, weil hier ein Erwachsener aufgrund einer somato-, psycho- oder soziosexuellen Retardierung altersadäquate Sexualpartner nicht für sich gewinnen kann und deswegen ersatzweise auf Kinder übergreift.

Störung der sexuellen Orientierung

Die sexuelle Orientierung auf das männliche und/oder weibliche Geschlecht ist eine Achse der menschlichen sexuellen Präferenzstruktur, die ganz unabhängig von der jeweiligen Ausprägung (gleich-, beid- oder gegengeschlechtlich) nicht als Krankheit oder Störung aufzufassen ist, sondern als mögliche Variation menschlicher Sexualität.

Dennoch kann es zu problemhaften oder krankheitswerten Störungen kommen, die auf eine konflikthafte Verarbeitung und unzureichende Integration der jeweiligen sexuellen Orientierung zurückgehen, worunter die Betroffenen leiden.

Die Betroffenen fühlen sich z.B. dadurch belastet, dass sie auch lange nach Abschluss der Adoleszenz nicht wissen, ob sie sexuell auf das eigene oder das Gegengeschlecht orientiert sind. Dadurch sehen sie sich außerstande, mit anderen Menschen spannungs- und angstfrei in Kontakt zu treten, weil die innere Auseinandersetzung über die eigene sexuelle Orientierung und die des Kontaktpartners überwertigen Charakter besitzt und die Gedanken und Gefühlswelt stark vereinnahmt. Es kommt zum fortwährenden Grübeln über die Frage der eigenen sexuellen Orientierung und zu der Befürchtung, andere Menschen könnten ihrerseits Hypothesen über die eigene sexuelle Orientierung aufstellen bzw. eine wie auch immer geartete Ausformung der sexuellen Orientierung identifizieren oder unterstellen.

Zu betonen ist in diesem Zusammenhang, dass diese Symptomatik trotz phänomenologischer Ähnlichkeit psychopathologisch klar von psychotischen Wahnvorstellungen abgrenzbar ist.

Die häufigste Erscheinungsform der sexuellen Orientierungsstörung besteht in einer ich-fremden gleichgeschlechtlichen Orientierung (sog. "egodystone Homophilie"): Nicht zuletzt vor dem soziokulturellen Hintergrund einer sexuell gegengeschlechtlich orientierten Bevölkerungsmehrheit wird entweder befürchtet, homosexuell orientiert zu sein, oder eine realistisch wahrgenommene eigene Homosexualität kann nicht akzeptiert, geschweige denn in die eigene sexuelle Identität (s.u.) integriert werden.
In der Folge kommt es zu Verleugnungs- bzw. Verdrängungsversuchen, die jedoch meist von geringer Halbwertzeit sind und oft letztendlich zur kategorischen Ablehnung der eigenen sexuellen Orientierung führen, mit dem resultierenden Wunsch, diese zu ändern.

Oft werden gegengeschlechtliche sexuelle Beziehungen aufgenommen, die jedoch (mitunter trotz "technischer" sexueller Funktionalität) wegen sexualpräferenzieller Inkompatibilität ohne innere Resonanz bzw. ohne emotionalen Niederschlag bleiben und deswegen nicht aufrecht erhalten werden können. In vielen Fällen werden sexuelle Kontakte ausschließlich im Kontext anonymer, (semi-)professioneller Prostitution gesucht, was für die Betroffenen sowohl mit einem deutlich erhöhten Risiko verbunden ist, sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten zu infizieren (vgl. HIV), als auch Opfer von Gewalthandlungen und Eigentumsdelikten zu werden, wie sie durch die "Ausnutzung einer sexuellen Neigung" begünstigt und begangen werden.

Seit fast hundert Jahren dokumentiert ist hier vor allem die Erpressung von Homosexuellen durch Prostituierte und andere Personen, die damit drohen, die Homosexualität des Betroffenen zu veröffentlichen. Verstärkt wurde dieser Deliktbereich durch die strafrechtliche Pönalisierung homosexueller Kontakte, die in Deutschland immerhin bis 1970 bestand. Aber auch andere Delikte wie Raub und Körperverletzung sowie "Taschen-, Trick- und Beischlafdiebstahl" treffen häufiger Personen, die homosexuelle Kontakte mit anonymen Gelegenheitspartnern suchen, als diejenigen, die (überwiegend) in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben. Im schlimmsten Fall einer Störung der sexuellen Orientierung kommt es zum vollständigen sozialen und soziosexuellen Rückzug und zu resultierender Isolation, Vereinsamung und damit vor allem auch zu syndyastischer Deprivation, was dann wiederum das Risiko erhöht, psychosomatische Störungen auszubilden.

Störungen der geschlechtlichen Identität (Geschlechtsdysphorie)

Zu diesem Störungsbild gehören Verunsicherungen, Irritationen und Missempfindungen bezüglich der eigenen Geschlechtszugehörigkeit.

Prägnant ist das innerliche Gefühl, entgegen dem eigenen biologischen Geburtsgeschlecht dem anderen Geschlecht anzugehören, also im "falschen" Körper leben zu müssen, woraus der Wusch entsteht, diesen Zustand zu ändern.

Innerhalb dieser Störungsgruppe gibt es verschiedene Abstufungen und Ausprägungen, die unterschiedliche Hintergründe haben können und unterschiedlich behandelt werden müssen, weshalb diese Beschwerden unter dem Oberbegriff Geschlechtsidentitätsstörungen zusammengefasst werden. Vorübergehendes Unwohlsein im eigenen Geschlecht, Unzufriedenheit und Unsicherheit bezüglich der eigenen sozialen Geschlechtsrolle sowie evtl. kosmetisch oder anders begründete Bedürfnisse nach körperverändernden Maßnahmen haben mit dieser Störungsgruppe nichts zu tun.

Personen mit tatsächlichen Geschlechtsidentitätsstörungen bedürfen in aller Regel einer spezialisierten psychotherapeutischen Behandlung, wobei das Therapieziel nicht in einer "Bekämpfung oder Umkehrung" des Wunsches nach einem Geschlechtswechsel besteht, sondern ausschließlich darin, den Betroffenen die Möglichkeit zu bieten, sich über einen längeren Zeitraum ergebnisoffen und differenziert mit der eigenen Geschlechtsidentität auseinanderzusetzen.

Gleichzeitig dient eine solche psychotherapeutische Begleitung dazu, das eigene Leben in der eigentlich empfundenen Geschlechtszugehörigkeit in allen sozialen Bereichen auszuprobieren bzw. sich selbst im eigentlich empfundenen Geschlecht sozial zu erproben (sog. "Alltagstest") und die dabei auftretenden Eindrücke, Erlebnisse und Empfindungen mit sachverständiger Hilfe und Beratung verstehen und verarbeiten zu können.

Störung der sexuellen Beziehung

Eine Störung der sexuellen Beziehung liegt vor, wenn eine Person darunter leidet, dass sie über einen längeren Zeitraum außerstande ist, sexuelle Beziehungen aufzunehmen oder aufrechtzuerhalten.

Der hieraus resultierende Leidensdruck ist häufig ein negativer Einflussfaktor auf die allgemeine und gesundheitliche Lebensqualität. Die Gründe für diese Probleme können sowohl im Spektrum anderer Sexualstörungen liegen als auch in psychischen und Verhaltensstörungen, welche Aufnahme und/oder Aufrechterhalten sexueller Beziehungen erschweren oder unmöglich machen. Eine Störung der Sexualbeziehung ist damit so gut wie immer sekundär, das bedeutet, die unmögliche oder gestörte sexuelle Beziehung ist meistens eine soziosexuelle Ausdrucksform eines anderen, überwiegend ursächlichen Problems.

Wenn beispielsweise eine Neigung zu abnormen sexuellen Stimuli oder Betätigungen die Aufnahme oder Aufrechterhaltung sexueller Beziehungen stört oder verunmöglicht – z.B. wenn ein Mann, der gern frauentypische Unterwäsche zur sexuellen Erregung trägt, keine Frau findet, die bereit ist, sich darauf einzulassen –, dann ist diese Störung primär durch eine Störung der Sexualpräferenz verursacht – im Beispielfall durch einen sog. "Transvestitischen Fetischismuss".

Als eigentlicher Kernbereich der sexuellen Beziehungsstörung lässt sich eine Störung des syndyastischen Erlebens diagnostizieren, die aus einer Nicht-Integration der drei Dimensionen der Sexualität resultiert, etwa weil diese Dimensionen voneinander entkoppelt ausgelebt werden.
Wird beispielsweise die Lust von der Beziehungsdimension abgetrennt, kann sich dies in einer Überbetonung der Lust im Verhältnis zur Beziehungsdimension darstellen, die häufiger bei Männern anzutreffen ist. Diese sind in ihrem sexuellen Erleben so auf Lust und deren Befriedigung fixiert, dass sie diese als nicht verknüpft mit einer partnerschaftlichen Beziehung erleben. Die Partnerinnen oder Partner reagieren dann häufig mit sexuellem Rückzug, weil sie sich im Rahmen der sexuellen Interaktionen von ihren Partnern "nicht gemeint" oder mitunter sogar "missbraucht" fühlen.

Dieser Entkoppelung findet auch bei einer ausschließlich pharmazeutischen Symptombehandlung von Erektionsstörungen (z.B. PDE5-Hemmer) ohne sexualtherapeutische Einbettung und ohne Einbeziehung von Partnerinnen oder Partnern statt und kann eine sexuelle Beziehungsstörung noch ungewollt verstärken. Ein Grund, warum viele Männer erektionsfördernde Medikamente nur über kurze Zeiträume nutzen, liegt – neben den selbst zu tragenden Kosten – auch darin, dass die Partnerinnen signalisieren, dass sie sich bei der Fokussierung ihres Mannes auf seine Erektion und damit auf sein Lusterleben in ihren eigentlichen (syndyastischen) Bedürfnissen nach Beziehung, Nähe und Geborgenheit nicht wahrgenommen, unberücksichtigt, vernachlässigt oder sogar missachtet fühlen.

Auch andersherum kann eine entkoppelte Ein-Dimensionalität der Sexualität zu einer sexuellen Beziehungsstörung führen, z.B. dann, wenn eine Frau ihre (syndyastischen) Bedürfnisse, wahr und angenommen zu werden, Geborgenheit, Vertrauen und Nähe zu erleben, vollständig von der Lustdimension der Sexualität entkoppelt und infolgedessen jede Form von genitaler bzw. stimulativer sexueller Interaktion verweigert, was wiederum zu Entbehrungsgefühlen bei ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin führen kann.
Auch wenn die Fortpflanzungsdimension einseitig überbetont wird, kann dies zu einer Störung führen, etwa dann, wenn ein Partner sexuelle Kontakte ausschließlich zur Fortpflanzung anstrebt, der andere Partner jedoch den Kinderwunsch nicht teilt und infolge dessen z.B. Geschlechtsverkehr verweigert. Nicht selten drückt sich eine solche Form einer sexuellen Beziehungsstörung dann auch wieder selbst in ausbleibenden sexuellen Reaktionen bzw. in sexuellen Funktionsstörungen aus.

Auch das von partnerschaftlich gebundenen Betroffenen als bedrängend geschilderte Bedürfnis des anderen Partners, Partnertausch-Börsen, sog. "Swinger-Clubs", zu besuchen oder nach wiederholten "Seitensprüngen", kann auf eine Störung der sexuellen Beziehung hindeuten, wenn die Betroffenen aufgrund syndyastischer Deprivation versuchen, sich immer neue sexuelle Bestätigung von immer neuen Sexualpartnern zu verschaffen, ohne dadurch jemals eine Befriedigung ihrer eigentlichen – syndyastischen – Bedürfnisse zu erleben.

Gerade auch in solchen Konstellationen wird der paarorientierte Behandlungszugang der Syndyastischen Sexualtherapie besonders plausibel.